Interview mit Taubenmarkt
Zwei Wochen vor Weihnachten 2023 konnte ich den Sportfreund Oliver Giese in Oberhavel besuchen. Genauer gesagt in seinem Wohnort Liebenwalde, einer ländlichen Kleinstadt. Oliver Giese ist jetzt 57 Jahre alt und Inhaber einer Firma mit 50 Mitarbeitern in Tischlerei, Fensterbau und dem Küchenstudio „Atelier KuechenLiebe“. Was ich bei ihm wollte? Keine neue Küche bestellen, sondern den Sportfreund interviewen, über seine Tauben und seine Erfolge mit ihnen. Er reist in der RV Oberhavel im Regionalverband 351 „Berlin-Brandenburg-Nordost“. Hans Brühl
TaubenMarkt: Oliver, beginnen wir mit der abgelaufenen Saison. Du hast bestimmt so Einiges zu erzählen.
Oliver Giese: Die Saison 2023 war schon sehr erfolgreich. Bis auf den 9.Flug. Hierbei wurde von der ersten Preistaube eine Fluggeschwindigkeit von 2216 m/min erreicht. Da die ersten Flüge alle bei Gegenwind stattfanden, kamen viele meiner Tauben mit vollen Preiszahlen erst nach Tagen, sogar nach Wochen nach Hause.
Mein bestes Weibchen, die bei 8 Preisen 775 As-Punkte hatte, ist bis heute verschollen.
Nach diesem Flug war das Vorbenennen besonders schwierig. Es konnte jedoch noch der 37. Platz bei der RV-Meisterschaft des Verbandes sowie der 101. Platz bei der Verbandsmeisterschaft belegt werden. Die Jungtauben haben aber in diesem Jahr das Sahnehäubchen gesetzt. Diese Dominanz hatte ich in meiner Karriere noch nicht erlebt. Es waren 2 Flüge dabei, bei denen ich um 90 % Preisanteil hatte: Einmal 100 gesetzt und 89 Preise und einmal 103 gesetzt und 93 Preise. Darunter die ersten 15 im Regionalverband von 2287 gesetzten Tauben.
Bei der Endabrechnung sollten es bei den Jungtauben Platz 1- Platz 6 im Regionalverband sein. Das ist hier im RegV 351 eine einmalige Sache. Mit 9 ersten Konkursen, davon 4 auf RegV-Flügen blicke ich zufrieden auf das Flugjahr 2023 zurück.
Vergessen habe ich hier noch den 1. Konkurs beim Nationalflug von Breda. In der Nationalliste Platz 30 von 5955 Tauben belegte der 09909-19-607 in der RV jedoch den 1. Konkurs.
TaubenMarkt: Auf was führst du den Leistungsschub zurück?
Oliver Giese: Bei den Jungtauben führen die ersten 6 Jungtauben im RegV voll oder teilweise das Blut der Tauben von den Gebrüder A + B Leidemann. Diese Geschichte begann vor 4 Jahren in Tornesch, einer Kleinstadt, kurz hinter Hamburg. Dort befindet sich die Einsatzstelle, in der Wolfgang Roeper einsetzt. Er war wie immer stark von anderen Sportfreunden umlagert und ich unterhielt mich mit Torsten Noack, dem Mann, der vor der Versteigerung der Zuchttauben von Wolfgang, diese betreute. Ich sagte zu ihm, es wäre schön, wenn ich 2 Enkel vom „1201“ bekommen könnte. Er meinte, das sei kein Problem. Ein Sohn vom Stammpaar Arturo x Tila war an eine Tochter des „1201“ gepaart. Somit bekam ich ohne mein Zutun meine ersten Tauben mit Leidemann Abstammung.
Die Gebrüder selbst lernte ich erst ein Jahr später bei einem Besuch bei Wolfgang Roeper kennen.
Da die Chemie zwischen uns sofort stimmte, wurde ich noch im gleichen Jahr nach Hardenberg in den Matenweg eingeladen.
Mittlerweile sitzen 12 originale Leidemann-Tauben auf meinem Zuchtschlag!
Und dies führe ich auf den enormen Leistungsschub zurück. Aber ohne eine solide Basis ist dies natürlich nicht möglich.
Am Anfang steht ein Stammpaar von Theo Jappe, der mit Tauben von Wolfgang Roeper Verbandsmeister 2013 wurde. In diesem Paar finde ich mehrmals die Täubin B-93-3050210 von G.Vandenabeele. Sie ist noch eine Tochter des Veulle Pipo. Aus diesen Tauben konnte ich viele erfolgreiche Tauben züchten. Bsw. den „249“ aus 2017, der viel Spitze flog. Aus ihm habe ich den „630“ gezogen. Dieser flog 2021 11/11 Preise und wurde As-Vogel im Reg.V 351.
Die beste Täubin in der RV Oberhavel im Jahr 2023 ist eine Halbschwester des 249. „Sternchen“ flog 11 Preise mit 853,94 AsP, mit u.a. 4., 4., 5., 6., 9., 9., 15. Konkurs usw. Nach der Reise erfolgte der Umzug in den Zuchtschlag.
Die beste jährige Täubin der RV 2023 ist schon wieder eine Enkeltochter des As-Vogels „630“.
Als ich meine ersten Jungtauben aus Olympic „Wolfgang“ bekam, studierte ich natürlich die Abstammung und siehe da, der Vater des Olympic „Wolfgang“ stammt vom Magnus, dieser wiederum vom Olympiavogel 269 von Wolfgang Roeper und dieser 269 ist ein Enkel des Stammvogel 01274-97-901 (Stammvogel bei K+M Ploog). Dieser „901“ hat die o.g. „210“ als Mutter. Diese Tauben nach vielen Generationen wieder zusammengebracht, ergeben die derzeitigen Leistungstauben.
Wie Harry Tamsen schon schrieb: „Die Guten kommen alle aus demselben Loch“.
Die Vollbrüder Magnus und Antar (Org.Wolfgang Roeper) sind in vielen der derzeitigen Leistungsträger von A+B Leidemann vertreten. Die Zuchttäubin aus dem neuen Wunderpaar (Tila) ist eine Vollschwester zu Olympic „Wolfgang“, aber auch zu den Reiseassen Raissa, Sia, Frieda, die wiederum Siege bei sehr großen Taubenzahlen errungen haben.
Als ich mir von 80 Jungtauben 2 Stück aussuchen durfte, fiel meine Entscheidung auf Kinder dieser Tauben. Es ist die Ähnlichkeit der Ausstrahlung und des Körperbaus, die mich wahrscheinlich inspiriert hat.
Aber auch Glück muss man haben. Ich wollte aus dem „Antar“ Junge haben. André sagte: „Leider kann ich dir die nicht mitgeben.“ Eins der Jungen ist gehämmert und beide Elternteile jedoch blau. Doch in der Zelle daneben saß der „Crack 19“. Ein gewaltiger gehämmerter Vogel.
Nach einer kurzen Zeit der Überlegung nahm ich das gehämmerte Jungtier mit. Hier erwies sich jedoch nach einem DNA-Test der „Bodo“ als Vater.
Der „Bodo“ (Vater vom 1.Arlon geg. 13.967 Tauben) stammt doch zufällig von Ace 820 x Sia (Sia = Tochter Magnus). Somit war die Linie wieder rund.
Dieser Leidemann-Vogel heißt „Heldo“und bringt in 2023 die 3.und 12.beste Jungtaube im RegV 351. Die Mutter ist das blaue Weibchen aus den ersten Eiern von Torsten Noack. Danke Torsten!
Bei meinem diesjährigen Besuch wurde jedoch mein Wunsch, einen Sohn des „Crack19“ mit nach Liebenwalde zu bringen, erfüllt. Diese Taube bekam den Namen „Crackjet“. Die Mutter ist keine geringere als die „Jet“.
Einige Spitzenpreise:
- Preis geg. 11.343 Tauben
- Preis geg. 7.768 Tauben
- Preis geg. 4.692 Tauben
Da beide Eltern die Flüge gewinnen konnten, sowie die nächste Generation auch viele Siege eingefahren hat, wird dieser Vogel für den nächsten Leistungsschub sorgen!
Erwähnen möchte ich aber auch noch die Tauben von Manfred Eichenlaub.
Die Zuchttäubin 05958-11-485 hat großen Einfluss auf meinen Stammaufbau.
Der Vater, sowie beide Großeltern mütterlicherseits sind Sieger von großen Taubenzahlen. Sie vererbt dies konstant weiter. Kinder und Enkelkinder wurden mehrfach Bestgereiste im Regionalverband.
TaubenMarkt: Du kannst sehr gut erklären und weißt auch zahlreiche Abstammungen auswendig. Erzähle den Lesern bitte etwas über das Zusammenstellen von deinen Zuchtpaaren. Wir sind, wenn man nach draußen sieht, mitten im Winter. Welche Gedanken machst du dir jetzt darüber, wie es mit der Zucht 2024 weiter geht?
Oliver Giese: Die Zusammenstellung meiner Zuchttauben geht mir das ganze Jahr durch den Kopf, nicht nur im Winter.
Ich kann im Kopf jede Taube fünf Generationen zurückverfolgen, aus welcher Linie sie kommt und aus welchen Kombinationen ich oder andere Sportfreunde Ausnahmetiere gezogen haben.
Ich möchte, dass ein Paar äußerlich zueinander passt, die Körperform soll dem Bild in meinem Kopf entsprechen und der Charakter der Taube muss zu mir passen.
Tauben, die ein Züchter nicht mag, sollten zur Weiterzucht nicht genutzt werden, besser noch vom Schlag entfernt werden. Das Allerwichtigste ist jedoch das dominante Gen. Es gibt Taubenfamilien, die dieses Gen von Generation zu Generation weitervererben.
Diese Tauben werden weitergezüchtet, auf der Reise getestet und die allerbesten dürfen sich dann weiter vermehren.
Jedenfalls achte ich darauf, dass von beiden Seiten die gewünschten Gene zur Weitergabe der Veranlagung zur Leistung dabei sind. Dann ist die Wahrscheinlichkeit am größten wieder Leistungstauben zu züchten. Ur- und Urgroßeltern nutzen nicht mehr viel in der Abstammung. Hat man diese Familie auf dem Schlag und passt sie zum Züchter selbst, sollte man mit neuen Tauben sehr vorsichtig sein. Sie zu verlieren, geht schneller als sie zu erhalten.
Beispielsweise habe ich im Sommer (2023) die drei besten Reisevögel von Wolfgang Roeper kaufen können. Das sind der „Aramis“ NL-19-1248723, original Gebr. Leideman aus „Arturo“ und „Tila“. Flog bei Wolfgang Roeper 12 Preise bis zum 21. Konkurs und wurde 2020 48. As-Vogel des Verbandes. Zweiter im Bunde ist der „Blaue Wolf“ 04176-19-119. Flog bis 2023 40 Preise, davon 17 bis zum 20. Konkurs. Er stammt aus einem Sohn „1201“ mit der „Tochter Olympiade B6241“ von Leo Heremans. Und der Dritte ist 04391-19-670 „Schneller Wolfgang“. Er flog selbst 4 x den 1. Konkurs sowie 11 Preise bis zum 3. Konkurs. Dieser stammt von einem Sohn 2. As-Vogel Verband „B6241“ mit einer Tochter „Olympiade16“.
Alle 3 Vögel sind mit meinen Basistauben weitläufig verwandt. Sie werden mit Rückpaarungen nun wieder in die Blutlinie integriert. Wichtig ist dabei für mich, dass die Partner vom Äußeren her passen und sich gernhaben.
Wie oben schon erwähnt, führen die neueingeführten Leidemann-Tauben auch diese Blutlinie.
Gerade beim „Schneller Wolfgang“ wird die Gendichte sehr deutlich. Seine Eltern vererben überdurchschnittlich und haben 4 Olympiatauben im direkten Stammbaum.
„Olympia Leo“ = Super-Zuchtvogel bei Eierkamp
„Bigg Boss“ = Super-Zuchtvogel bei Herbots
„Olympia 16“ = über seine Kinder = Basisvogel bei A+B Leidemann
„Olympiade 412“ = gab ebenfalls seine Gene konzentriert weiter
Die Wahrscheinlichkeit zur Weitergabe des dominanten Gens ist hier sehr hoch.
TaubenMarkt: Glaubst du an die Liebespaarung bei Tauben?
Oliver Giese: Absolut. Beispielsweise bei den eben genannten Roeper-Vögeln wird es keinesfalls Weibchen Weibchen Weibchen geben, um möglichst viele Junge zu bekommen. Nein, die werden höchstens einmal umgepaart. Denk doch nur an die Hengstmethode. Das gibt zwar viele Junge, aber keine Asse. Ist das dominante Gen im Bestand, kann aus einer zufälligen Liebespaarung auch eine Supertaube geboren werden.
TaubenMarkt: Wie denkst du denn über Theorien in der Zucht, also beispielsweise Augentheorie?
Oliver Giese: Ich messe es am Ergebnis. Auch aus Zufallspaarungen, bei denen beide Elterntiere helles Grauglas hatten, sind Spitzentauben gefallen. Also ich wende das bei der Paarung an, was ich vorhin erzählt habe. Der Leistungshintergrund der Eltern und Großeltern ist keine Theorie.
TaubenMarkt: Dann erzähle unseren Lesern bitte etwas zum Reisesystem. Dass du die „Totale“ betreibst, habe ich ja schon in den Preislisten gesehen.
Oliver Giese: Ja so ist es. Und dieses Jahr waren die Weibchen etwas stärker als die Vögel. Gelegentlich habe ich am Schlag etwas geändert. Es kann auch an der Sorte liegen, die sich durchsetzt. Die ersten drei Jungtauben im Regionalverband sind auch Weibchen. Junge Weibchen mit Spitzenpreise knüpfen als Jährige oft an diese Leistung an. Also werde ich mir im Reisejahr 2024 mit den Mädchen mehr Mühe geben.
Das Training am Schlag gestaltet sich so, dass ich morgens nur die Vögel fliegen lasse. Sind die Vögel im Schlag, kommen die Weibchen in die Voliere. Danach bekommen die Jungtauben Freiflug. Abends werden nochmal Weibchen und Vögel fliegen gelassen.
Am Einsatztag bekommen die Tauben keinen Freiflug mehr und werden, ohne den Partner zu sehen, eingesetzt. Bei der Ankunft sind immer einige Empfangstiere im Schlag.
Ich kann mir denken, wie die nächste Frage lautet. Sicherlich die Vorbereitung auf die Wettflüge.
Bei der Rückkehr haben die Tauben Cartosal im Trinkwasser. Sie bekommen 2-3 Erdnüsse zur Belohnung. Im Futtertrog befinden sich meine Grit+Mineralmischung. Nach ca. 2 Stunden werden die Paare getrennt und mit angemischtem Futter, abgetrocknet mit dem roten Pulver von Dr.Marien, versorgt. In der Tränke befindet sich jetzt med.Tollyamin. Falls es noch eine Abendfütterung gibt, erfolgt diese mit der gleichen Mischung. Am Sonntag wird das Futter mit flüssiger Bierhefe angemischt und mit dem Fischmehl von Dr. Marien + Terra Mineral abgetrocknet. Der Freiflug wird erst am Montag wieder aufgenommen. Am Dienstag wird Blitzform über die Tränke gereicht. An allen anderen Tagen bekommen die Tauben 2 x täglich sauberes Wasser. Ich bin sehr zufrieden, wenn ich ohne Medikamente durch die Saison komme. Gibt man ohne Not einfach Medikamente, hast du sehr wahrscheinlich noch einmal einen Super Flug. Oftmals ist es danach aber schlechter als vorher. Also sollte jeder Züchter gründlich vor dem Medikamenteneinsatz nachdenken. Ist jedoch ein Infekt vorhanden, muss gehandelt werden. Dann wird aber auch bis zum Ende der Saison jedes Wochenende gekurt.
TaubenMarkt: Fährst du viel mit deinen Tauben, also Privattraining?
Oliver Giese: In der Vergangenheit bin ich jede Woche zwischen den Flügen auf ca. 50 km gefahren (einen Tag vor dem Einsetzen) leider habe ich dabei sehr gute Tauben verloren und deshalb diese Trainingsflüge abgebrochen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die richtig Guten dieses Training nicht brauchen. Auch die Jungtauben 2023 haben keine Zwischenflüge erhalten.
TaubenMarkt: Hattest du auch schon mal mit Schieffliegern zu tun?
Oliver Giese: Hatte ich schon mal, aber wenig. Trainieren die Tauben nach langer Winterpause zu schnell und zu hart, kann dies passieren. Leider ist kein Schiefflieger danach eine gute Reisetaube geworden.
TaubenMarkt: Dann sollten wir noch auf die Fütterung zu sprechen kommen. Bevorzugst du eine bestimmte Firma oder eine bestimmte Marke oder ein bestimmtes Programm eines Anbieters?
Oliver Giese: Auf das Mischen von Futtersorten hatte ich keine Lust mehr. Ich war bei Wolfgang Roeper und der gab von Vanrobaeys die Sorten 183 und 184 sowie 35 und 39. Nummer 184 bildet das Basisfutter. Diese Sorte hat alle Bestandteile, die ich vorher mühevoll aus Einzelsaaten gemischt habe. Mein Futterhändler führt jetzt auch Matador Futter, was ich in diesem Winter gerade ausprobiere. Erdnüsse, Hanf, Mais und geschälte Sonnenblumen werden noch dazu gekauft. Doch auch das Futter entscheidet nicht über alles. Die Tauben müssen es können!
TaubenMarkt: Draußen ist es kalt und ich möchte noch den Schlag sehen.
Oliver Giese: Ja komm, mir selbst geht es auch so.
TaubenMarkt: Der Schlag befindet sich im Dachgeschoß einer großen Scheune, welche auf dem weitläufigen Gelände hinter dem Wohnhaus steht. Diese war komplett entkernt und deren Dachgeschoß erneuert worden. Und ich muss sagen, hier waren Fachleute am Werk. Die Zimmerer und Schreiner haben buchstäblich Millimeterarbeit geleistet. Wir haben natürlich nicht nur den Schlag besichtigt, sondern auch die Tauben in ihren unterschiedlichen Abteilen. Und der Besitzer gab mir insbesondere die in die Hand, auf die er besonders stolz ist und mit Recht stolz sein kann.
Im Namen von TaubenMarkt/Die Sporttaube sage ich „danke Oliver“ und „Gut Flug“ 2024!
